Neringa Vasiliauskaite / Lina Augustin

Wir schaffen textile Häute, an die wir uns längst gewöhnt haben.

Haut ist Oberfläche, Hülle, Schutz, Dazwischen. Haut ist transparent, empfindlich und sehr verletzlich. Die Arbeit Skin VIII von Neringa Vasiliauskaite zeigt dies. Sie berührt, kribbelt auf der Haut und dringt in sie ein. Gerade in Zeiten, in denen Viren in unserer Vorstellung mittels Aerosolen auch unsere Haut berühren, versuchen wir achtsam mit unserer Haut, die einem Außen ausgesetzt ist, umzugehen. Was berühren wir – und was lieber nicht? Wie schützen wir unsere Haut, damit sie uns schützen kann? Wir bedecken sie. Wir schaffen textile Häute, an die wir uns längst gewöhnt haben. Nun tragen wir zusätzlich künstliche Hüllen über unserem Mund, über unserer Nase. Eine zusätzliche Haut über unserer. Und gerade diese zweite Haut wirkt wie ein Zeichen unserer Verletzlichkeit.

(HB)

Neringa Vasiliauskaite, Skin VIII, 2020
Haut Muster, Editorial, Vilnius Litauen
gebleichtes Stoff, digital Druck,
Silikon, Ösen, Seile, Strumpfhose, Edelstahl, Folie, Kabelbindung, Etiketten
Maße variabel
Foto: Ugnius Gelguda

Raum für neue Ideen und Experimente, aber zugleich auch für Zweifel

Interview mit Neringa Vasiliauskaite

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Im Jahr 2020 habe ich unter dem Titel ‚Skins‘ mit einer neuen Serie von Wandobjekten begonnen. Die Arbeit ‚Skin VIII‘ ist eines der Objekte, das ich in meiner Einzelausstellung ‚Haut Muster‘ im Jahr 2020 in Vilnius (LT) präsentiert habe. Die Arbeit ist vieldeutig – mal kann das ein Menschenkörper sein, mal die Haut eines Tieres, oder auch eine modische Jacke. Es geht mir um die Oberfläche, die der Träger von Informationen ist. Da geht es auch um Camouflage und Imitation. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Gartentischdecke meiner Oma, die mit einem künstlichen Marmormuster bedruckt war, da sie sich echten Marmor natürlich nicht leisten konnte. Dieser Moment ist für mich sehr spannend.
Ich arbeite grundsätzlich mit Oberflächen, die komplex und vielschichtig sind. Ich möchte nicht bis zum Ende definieren, wonach das Objekt genau ausschauen soll. Die Objekte interessieren mich auch aus psychologischer Sicht, als Ausdruck des Innenlebens einer Person oder eines Körpers. Mich interessiert, wie sich das Innenleben mit dem Außenleben zu einem Ganzen verbindet und welche Spuren sichtbar werden.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Diese Arbeit ist kurz vor der Pandemie entstanden. Nach einem Monat trat der erste Lockdown in Kraft. Ich mache mir Gedanken, ob die gleiche Arbeit genau so aussehen würde, wenn sie während der Pandemie kreiert worden wäre. Ich glaube, die Folgen und der Einfluß auf die kommenden Arbeiten werden erst länger nach der Pandemie zu sehen sein, vielleicht aber auch nie.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Ich habe mit Lina Augustin gerade vor einem Jahr an einer Gruppenausstellung in München teilgenommen. Das war die letzte Ausstellung vor dem Lockdown, die wegen der unsicheren Situation früher geschlossen wurde. Dort bin ich auf Linas Zeichnung und dieses begleitende Gedicht gestoßen, und sie sind mir im Kopf geblieben. Lina schreibt und zeichnet das, was auch ich in meinen Objekten ausdrücken möchte. Uns verbindet das gleiche Thema, nur die Art und Weise der Erzählung und die Medien sind unterschiedlich.

Ich habe mit Lina noch nie zusammengearbeitet, aber ich bin sehr froh, dass nun endlich eine Möglichkeit entstanden ist, wo unsere Arbeiten miteinander in einen Dialog treten dürfen.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Trotz der unsicheren Lage in der Kunst auf Grund der Pandemie bin ich regelmäßig im Atelier, um zu arbeiten. Ich kann mich in Ruhe auf meine Arbeiten konzentrieren, die ich verschoben habe, da andere laufende Projekte oder Ausstellungsvorbereitungen Priorität gehabt haben. Das schafft natürlich Raum für neue Ideen und Experimente, aber zugleich auch für Zweifel. Man ist unsicher und beunruhigt, da man nicht weiß, wie lange diese Situation andauern wird, und wie die Kunst in der postpandemischen Welt aussehen wird. Es entfällt, spontan Galerien zu besuchen, ebenso Museen und Messen. Es gibt keinen Input und fast zu viel Raum zum Nachdenken.

Die Kunst ist auf digitale Plattformen umgezogen, und die Sozialen Medien sind für viele Künstler, ebenso wie für mich, die einzige Möglichkeit und der Raum geworden, die geschaffenen Arbeiten zu präsentieren.

Es gibt gerade mehrere digitale Ausstellungen, und ich bin gespannt, ob diese Art und Weise, Kunst zu präsentieren, nach der Pandemie bleibt. Es gibt Nachteile und Vorteile, da eine weitere Möglichkeit entstanden ist, sich zu präsentieren, und es ist eine gute Gelegenheit, besonders für Videokünstler.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Sie kann unsere Perspektive verändern und uns neue Räume erschließen – gerade, wenn wir durch die Krise eingeengt sind.

Neringa Vasiliauskaite stammt aus Litauen, lebt und arbeitet in München. Sie hat an der Kunstakademie in Vilnius 2006 den Bachelor und 2008 den Master gemacht. Das Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München hat sie 2018 mit dem Diplom für Bildhauerei, Glas und Keramik abgeschlossen. Dort im Bereich der Glasgestaltung sind mir vor Jahren ihre Arbeiten aufgefallen. Wie die Künstlerin das Material Glas als Haut, als Hülle, als Schutz, als Dazwischen, als Transparent und als Reflexionsschicht benutzt hat. Und wie sie in Lichtstimmungen in feinsten Nuancen die Empfindsamkeit des „Dazwischen“ deutlich machte.

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