Nora Gomringer / Johannes Evers

Nora Gomringer/ Johannes Evers, Der Gang, HD-Video, 2021, 15 min

 

Wer hätte gedacht, dass dieser Gang eine Geschichte hat…

eine Geschichte haben kann…

„Achtung, Ansteckungsgefahr!“ ist die Buchbesprechung zu „Morbus“ von Nora Gomringer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10.10.2015 überschrieben: „Mit einfachsten Mitteln schreibt Nora Gomringer großartige Lyrik – heiter und augenzwinkernd.“ „Vorsicht! Nora Gomringer könnte Sie amüsieren, irritieren, aus den richtigen Gründen zum Weinen bringen! Ist alles schon vorgekommen…“ – so leitet die u.a. mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin, Dozentin und Performerin, die in Bamberg seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin selbst die Vita auf ihrer Homepage ein… Achtung! Vorsicht! gilt entsprechend auch für den inneren Monolog, mit dem Nora Gomringer die Videoarbeit ‚Gang‘ von Johannes Evers begleitet. Johannes Evers, Stipendiat an der Villa Concordia 2016/17, hat Nora Gomringer für kunst-netz-werk.online eingeladen, auf diese Videoarbeit zu reagieren, in der er den Prozess der sukzessiven Werkentstehung und -auflösung in einem Gang zur Anschauung bringt. Vollkommen selbstverständlich holt die Schriftstellerin den Zuhörenden des Videos in ihre eigenen Gedanken hinein, eröffnet so Assoziationen, die äußerst naheliegen, verführt aber auch dazu, gedankliche Wege mitzugehen, die vollkommen unausweichlich erscheinen, aber doch Nora Gomringers ganz eigene sind. Der Ton ist leicht, humorvoll, suchend, erinnert an die Erfahrungen der Autorin als Poetry Slammerin und zeugt von sensibelster Wahrnehmung und Assoziationskraft. Beim Hören der kommentierenden Worte von Nora Gomringer zur Videoarbeit von Johannes Evers ist folgendes zu erleben: Das scheinbar Banale und das Erhabene begegnen sich in sprachlichen Assoziationen, was der künstlerischen Arbeit von Johannes Evers vollkommen entspricht. Und ganz unmittelbar wird man durch diese Kommentare hineingezogen in das Geschehen auf dem Bildschirm: „adressiert er mich und meint er mich?“ „ahh, das wird viel mehr“ „ich seh‘, das kostet doch ein bisschen Kraft“ „ahh und in dem Gang – jetzt wird es mir bewusst – ist so viel mehr“ „ich darf beobachten – und wieder kommt er auf mich zu…“ „ich seh hinein und seh den Prozess der Herstellung“ „das Bild wird nicht gemalt, es wird im wahrsten Sinne konturiert“ „ein echtes, wirkliches Gestell, ein Körper wird hineingebracht – nachdem der Körper Mensch ihn in mein Blickfeld rückt“ „wie anders man alles sehen kann, auch die Dinge, die man kennt“ „dieser Körper Mensch, der diese Elemente bringt – der Maler, der Künstler, der Gestalter, der Blick-Verrücker… ich nenn‘ ihn Blick-Verrücker“ „als räumte einer Kunst hier auf, und nun sehe ich den Menschen auch sich selbst ordnen“ „ich sehe, Kunst macht Arbeit, immerfort…“ „klares, unverschränktes Schwitzen… neue Balancen…“ „bevor die Elemente alle ganz verschwinden, frag ich mich noch: wo war das Moment der größten Konzentration, das Moment der Fülle, das höchst Komplexe… und frage mich, ob es der Scheitelpunkt des Filmes war, das ist gut möglich, denn wir gehen einer Leerung zu, Verschwinden ganz und gar…“ „Wer hätte gedacht, dass dieser Gang eine Geschichte hat… eine Geschichte haben kann…“

(US)

 

Entfernung wird Teil der Arbeit.

Und hebt sich doch auch in ihr und durch sie auf.

 

Interview mit Nora Gomringer

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?Diese Arbeit ist eine typische Art der Zusammenarbeit, wie sie in der Jetzt-Zeit geschieht. Arbeiten werden in verschiedenen Stadien ihres Prozesses unter Kollegen ausgetauscht, vorgezeigt, geteilt, um Feedback oder Anregung zu erhalten, Begegnung und Kontakt herzustellen. Medien-Austausch ist im wahrsten Sinne intrinsischer Teil des Selbstverständnisses künstlerischer Schöpfung. Johannes Evers Videoarbeiten schätze ich über alle Maßen. Der Künstler unternimmt mit jedem Film eine neue Auseinandersetzung mit dem Begriff des Künstlertums und seiner Tradition. Wie hoch der Grad eines Werkes an „Robustheit“ ist, um durch die Jahrhunderte von Medium zu Medium, etwas Leinwand zu digitalem Frame transferiert zu werden, klärt er dabei fast en passant und für den Betrachter immer erhellend ab. Ein so eigenständiger und auch humorvoller Umgang mit dem Begriff kulturellen Erbes ist selten. Es war mir eine Ehre, seinem Film eine Tonspur zu geben.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?Diese Gemeinschaftsarbeit wird zum Gemeinsamen im Nachhinein. Typisch für das Arbeiten in Corona-Zeiten: Alle Beiträger für das Werk sind an verschiedenen Orten, senden sich Ergebnisse via Medientransfer hin und her. Entfernung wird Teil der Arbeit. Und hebt sich doch auch in ihr und durch sie auf.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deines Kollegen?
Ich bin die Stimme, biete inneren Monolog und bilde den Betrachter und doch auch ganz meine eigene Position ab.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?
Viel weniger Einkommen, Gewichtszunahme, eine Art des sozialen Muskelschwunds hat sich eingestellt, auch eine Furcht vor der Rückkehr zum längst nicht mehr gewohnten Pensum. Ach, vieles, schwankend, manchmal auch Euphorie für die Möglichkeit, eine Art Alltag zu leben, der mir sonst verwehrt ist. Einschneidender als alles ist der Tod meiner Mutter im Dezember 2020 gewesen. Und dass sie, die immer Kommunikativste in unserer Familie, in einer Zeit der Stille und des Abstands von uns gegangen ist – das ist mir noch nicht ganz begreifbar.

Was kann nur Kunst in der Krise?
Nur Kunst kann so vielfältig ablenken und darüber Sinn erzeugen, in so vielen Betrachtern und Machern so verschiedenartigen Sinn. Ich halte die Arbeit des Publikums, nämlich die aktive Rezeption in diesen Zeiten, übrigens fast für wichtiger. Am Publikum, den Unterstützern und Förderern entscheidet sich, ob Künstler nach Corona noch eine demographische, soziale, fiskale und politische Landschaft vorfinden, in deren Gestaltung sie eine Bedeutung haben, ohne ständig in Opposition oder Abhängigkeit zu treten.

Nora Gomringer, geb. 1980 in Neunkirchen/Saar, studierte Amerikanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Danach begann sie eine Promotion im Fach Amerikanistik. Sie leitet seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg als Direktorin im Auftrag des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Zahlreiche Aufträge, Aufenthaltsstipendien und Lehraufträge haben sie als Autorin, Dozentin und Performerin rund um den Globus geführt. Als freie Schriftstellerin ist sie seit 2000 verlegt. Es liegen neun Lyrikbände und zwei Essaybände sowie zahlreiche Einzelveröffentlichungen vor. Eine rege Zusammenarbeit mit Musikern und Bildenden Künstlern runden ihr Werk ab und erweitern es beständig. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2011), dem Joachim-Ringelnatz-Preis (2012) sowie dem Ingeborg-Bachmann-Preis (2015). 2021 wurde sie mit der Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz geehrt.

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