Paul Stebbings / Christian Schnurer

Paul Stebbings gründete bereits in den 1980er Jahren die Theatergruppe TNT Theatre Britain. Seine Inszenierungen – sowohl Shakespeare-Klassiker, als auch eigene Werke – touren weltweit, aber auch in München ist er auf verschiedenen Bühnen zu Hause.

“Mit seinen visuell kraftvollen, dynamischen Stücken reflektiert Paul Stebbings aktuelle Themen unserer Zeit.“

Es ist ihm ein Anliegen, sprachliche aber auch kulturelle Barrieren durch seine Arbeit zu durchbrechen. Er regt dazu an, sich für neue Inspirationen zu öffnen, sich über kulturelle Unterschiede hinaus näher zu kommen, und die Vielfalt zu genießen.

Komplexen Strukturen und eine vielschichtige Symbolik der Inszenierungen stellen häufig hohe Anforderungen an den Theaterbesucher. Dabei werden die geringen Erwartungen eines fernsehgesättigten Publikums intellektuell und künstlerisch oft übertroffen. Die Stücke sind immer unterhaltsam und kreieren eine intime und einfühlsame Verbindung zwischen Schauspieler*innen und Zuschauer*innen.

Als Dramaturg hat Stebbings über dreißig Stücke geschrieben, die von der ersten TNT-Produktion „Harlequin“ – einer Commedia dell‘ Arte, über „Meyerhold und das Scheitern der künstlerischen und politischen Revolution“ bis zu Produktionen wie “free Mandela“ reichen, die sich dem Kampf gegen die Apartheid aus der Sicht von Nelson und Winnie Mandelas widmen.

Die von Stebbings engagierten Schauspieler*innen kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und haben nicht selten einen Migrationshintergrund. 2017 kam es dann zu einem künstlerischen Austausch mit Christian Schnurer im Rahmen des Stückes „My Sister Syria“, da Stebbings, wie Schnurer, Räume in der Halle 6 nutzt und der Künstler Jörg Besser die Bühnenbilder für die Theatergruppe dort baut. Als einer der Höhepunkte der gemeinsamen Theaterproduktion ist eine Installation im öffentlichen Raum des Bildhauers Christian Schnurer entstanden. Er schichtete vor dem Theater in der Leopoldstraße 3000 Schwimmwesten aus dem „Salva Vida“ Projekt zu einer Mauer auf.

(BM)

Kunst kann uns immer an unsere gemeinsame Menschlichkeit erinnern

Interview mit Paul Stebbings

Was bedeutet Ihnen diese Arbeit in Ihrem Werk, wo knüpft sie an?
Theater ist eine soziale Kunst. Ich habe vor Jahrzehnten TNT Theatre gegründet, und wir haben versucht, Theater zu machen, das drei Bereiche verbindet: das Thema oder die zentrale kreative Idee, die Künstler, die die Aufführung zum Leben erwecken (nicht nur Schauspieler) und das Publikum. MY SISTER SYRIA und das Werk, das aus dieser Produktion entstanden ist, war etwas Besonderes, weil es uns mit einer drängenden Realität verbunden hat. Nicht nur mit der Not der syrischen Zufluchtsorte, sondern auch mit Künstlern aus dieser Kultur oder Künstlern, die tief auf die Krise und ihre Auswirkungen auf uns alle reagiert haben – kulturell, politisch, menschlich und künstlerisch. Durch Kunst sind wir in der Lage, komplexe und emotionale Realitäten zu klären und zu kristallisieren und Menschen zusammenzubringen, um zu verstehen, wie sie sich fühlen.
Wie sehen Sie Ihre Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?
Die Pandemie hat so viele andere wichtige Themen aus unserem Leben gewischt. Alles, was wir tun können, um diejenigen von uns, die das Glück haben, in wohlhabenden und friedlichen Gesellschaften zu leben, zu erinnern, ist wichtig. Durch die Grenzen und Gedanken, die mit der Pandemie in Verbindung stehen, dürfen wir unsere Offenheit und zerschmetterte Menschlichkeit nicht verlieren. Dazu gehört nicht nur der Druck von Covid auf die Flüchtlingslager, sondern der Einsatz von Covid durch die schrecklichen Kräfte, die das syrische Volk weiterhin foltern.
Wie sehen Sie Ihre Arbeit in Verbindung mit der Arbeit Ihres Kollegen/Kollegen (der in einem anderen künstlerischen Bereich arbeitet)?
Wir haben beide daran gearbeitet, die Halle 6 als Zentrum für lebendige Kunst, moderne Kunst und Kunst, die über den Komfort der großen Institutionen hinausgeht, zum Erfolg zu führen. Christian Schnurer engagiert sich für die öffentliche Kunst, die sich auf zeitgenössische Ereignisse stützt, und TNT will etwas Ähnliches mit Theater machen, zum Beispiel mit MY SISTER SYRIA vor Tausenden von jungen Menschen. Christian und TNT haben dann gezielt seine Installation von Refugee-Rettungswesten draußen auf der Straße mit unserer Performance im Leo-Theater an der Leopoldstraße kombiniert. Wir wollen nun einen Kurzfilm machen, der Elemente unserer Arbeit zu diesem Thema über verschiedene künstlerische Disziplinen hinweg vereint.
Was hat sich für Sie seit dem letzten Jahr geändert?
Alles! Live Theatre wurde durch die Vorschriften zerschlagen, die in der Tat notwendig sind, um die Pandemie zu kontrollieren. Im Jahr 2019 gab TNT über 800 Aufführungen in 30 Ländern auf vier Kontinenten. Seit Mitte März 2020 konnten wir nur noch sechs Wochen lang eine Produktion (OTHELLO) im Freien geben – und das war ein Wunder! Plötzlich ist mein gesellschaftliches Leben in der Kunst gesellschaftlich distanziert, und ich muss mich als Künstler in mich zurückziehen und mich auf das Filmemachen und Schreiben im Internet konzentrieren. Auch mein Einkommen ist eingebrochen.
Was kann nur Kunst in der Krise tun?
Kunst kann uns immer an unsere gemeinsame Menschlichkeit erinnern – jenseits von Überzeugungen, Vorurteilen und Meinungen. Das brauchen wir in dieser Krise mehr denn je.

Paul Stebbings, geb. in Nottingham, lebt und arbeitet in München. Neben seinem Abschluss mit Auszeichnung in Theaterwissenschaften in Bristol, studierte er auch mit Jerzy Grotowski in Polen und gründete in den 80er Jahren TNT Theatre. Seine Stücke werden weltweit aufgeführt, und er arbeitet u.a. als Gastregisseur am Shanghai Dramatic Arts Center sowie im Teatro Espressivo de Costa Rica. Seine Münchner Aktivitäten reichen vom TamS Theater bis zur Glyptothek. Englischsprachige Shakespeare-Inszenierungen und auch eigene Werke werden regelmäßig im Gasteig und an vielen Stadttheatern in Deutschland aufgeführt. 2014 wurde Stebbings der Ehrentitel MBE für seine Verdienste um die britische Kultur von Queen Elizabeth verliehen.

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