Stefan Kling / Christoph Lammers:
Briefe on Air, 2021
Graphit, Papier, Klavier, Geräusche
Video, 8,47 min

 

 „ich darf alles machen, wie Punkt Null, wie ein unbeschriebenes Blatt“

‚Dialog auf Distanz‘ hieß die Veröffentlichung, die die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst anknüpfend an ein Zitat von Katharina Gaenssler Ende 2020 zum Kunst-Netz-Werk 1 herausgab. Genau dies ist ja die Herausforderung: in Verbindung bleiben und sogar aktiv ein Zusammenwirken auf den Weg bringen – obwohl wir Distanz wahren müssen.

Bei dem Musiker Stefan Kling, wohnhaft in Rotenburg a.d. Fulda und dem bildenden Künstler Christoph Lammers, der in München lebt, beträgt diese Distanz tatsächlich mehrere 100 Kilometer. Den Impuls der Anfrage durch Kunst-Netz-Werk nutzten sie, an ein bis dahin einmaliges, aber sehr bereicherndes Zusammenspiel bei der Live-Performance ‚Kalymma – vom Verhüllen und Enthüllen‘ 2015 in der Michaeliskirche in Erfurt anzuknüpfen: Bei dieser dreistündigen Performance ging es um intuitives Aufeinander-Reagieren und Zusammenspielen von zeichnerischen Gesten auf einer 6 x 3 Meter großen Fläche vor dem Altar und Klängen, Rhythmen und Geräuschen, mit der Stefan Kling als Musiker den Raum erfüllte oder ihn auch still werden ließ…

Den schon damals überraschend vertrauten Dialog wollten die beiden Künstler auf Distanz neu aufgreifen und trafen eine sehr offene Vereinbarung, die große Einfühlung erfordert, diese aber auch fördert und ermöglicht: Wir schreiben uns Briefe in einer anderen Form. Wir setzen in unseren Briefen unsere künstlerischen Mittel und Ausdrucksmöglichkeiten ein.

Christoph Lammers: Zeichnung, Linie
Stefan Kling: Ton, Geräusch, Klang, Melodie, Musik

Spielregeln über den Zeitraum von 7 Tagen:
– Wir legen ein Zeitfenster für die Briefe fest, z.B. von 9 bis 13 Uhr oder auch den ganzen Tag.
– Ein Anruf im Zeitfenster ist der Start für beide, den Brief zu beginnen.
– Wir bestimmen die Länge der Briefe (zwischen 10 Min und 30 Sek).
– Wir filmen uns selbst dabei oder nehmen eine Audioaufnahme auf.
– Wir schicken uns den jeweiligen Brief über das Internet noch am gleichen Tag zu.
– Wir legen die beiden Briefe übereinander und schauen, was passiert.
– Wir nehmen uns Zeit füreinander.
– Wir vertrauen dem Moment.

Stefan Kling studierte in Weimar klassisches Klavier, aber auch Jazz, was ihn seine Leidenschaft für freie Improvisation entdecken ließ. Er ist als Solist, aber auch als Begleiter tätig, eine völlig unkonventionelle improvisatorische Zusammenarbeit, wie hier mit Christoph Lammers, lässt jedoch sein Herz besonders hoch schlagen:

„Das hier ist eine grandiose Möglichkeit, ein Seelenprojekt: Ein Zusammenspiel mit dem, was mir persönlich wichtig ist, über die Entfernung hinweg. Hier ist die Musik eine Spielwiese, man kann es völlig frei fließen lassen, mit leerem Kopf rangehen, sich um nichts scheren, einfach zu einer bestimmten Uhrzeit an Christoph denken, unverblümt, man muss nichts bedienen, nichts wird mehr verbessert, nichts muss chic sein – der „Brief“ ging raus ohne Tintenkiller, ohne zu verbessern, ich darf alles machen, wie Punkt Null, wie ein unbeschriebenes Blatt…“

Arbeitstitel für das gemeinsame Zusammenspiel war zunächst ‚Hände‘ – Hände, die sich zeichnerisch auf dem Küchentisch von Christoph Lammers wie in vertrauter Runde tatsächlich anwesender Menschen überlagern und berühren und das Video als roter Faden durchspannen: Hände können etwas tun, man kann sie schütteln, sie können sich berühren, gestikulieren, Hände spielen ein Instrument, halten einen Stift, drücken den Kameraknopf, ob bei Außenaufnahmen in Rotenburg oder in der Küche in München, Hände stellen eine Verbindung her – unsere Sehnsucht gerade in diesen Zeiten…

(US)

  

Auge und Ohr haben wir in unserer Kunst aufeinander abgestimmt, uns gegenseitig inspiriert, wurden abhängig voneinander, wurden eins.

Interview mit Stefan Kling

 

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Improvisation ist für mich die spannendste Art, mit meinem Instrumentarium zu „spielen“. Diese Gelegenheit ergibt sich für mich im Alltag des (normalerweise) stattfindenden Konzertlebens selten in dieser Freiheit: Komposition wird ergänzt durch Improvisation oder umgekehrt. Bei unserem Projekt ‚Hände‘ war ich vollkommen frei, lediglich nicht in der Verabredung, wann und in welcher Länge die „Briefe“ sind, die wir uns zugesendet haben. Vor Jahren gab es meine erste Begegnung mit Christoph zu einer 3-stündigen Performance. Eine nie vorher dagewesene Situation für mich: Das gleichzeitige Entstehen von Bild und Ton im Raum, mit Publikum. Ein tolles Gefühl – für uns, aber auch für die Besucher. Ich bin sehr froh, dass wir auf diesem besonderen Weg wieder gemeinsam Künstlerisches entstehen lassen können.

Wie siehst du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Diese Zusammenarbeit, dieses Zusammenspiel findet normalerweise live statt, mit Publikum im gleichen Raum. Durch die Pandemie muss man neue Wege suchen, und wir haben mit eurer Anregung und Unterstützung einen wirklich faszinierenden Weg gefunden. Es geht weiter.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit Deines Kollegen (der in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Wir hatten bisher nur einmal vor einigen Jahren das Vergnügen, live eine solche künstlerische Aktion gemeinsam zu machen. Es war eine tolle Erfahrung! Als Christoph mich nun anrief, war ich sofort begeistert. Viele kleine Details unserer damaligen Begegnung waren sofort präsent. Auge und Ohr haben wir in unserer Kunst aufeinander abgestimmt, uns gegenseitig inspiriert, wurden abhängig voneinander, wurden eins. Ich genieße seine Art zu zeichnen, ich genieße die Entstehung seiner Bilder, ich genieße die Zeit, die er sich dafür nimmt. Das habe ich sofort im Kopf, wenn ich Musik mache. Selbst jetzt, auf Distanz, habe ich das Gefühl, dass das funktioniert. Wir haben eine wirklich gemeinsame Ebene, räumliche Distanz spielt keine große Rolle. Ein neuer Weg öffnet sich… und die zahlreichen Telefonate waren sehr lustig!

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Durch den Wegfall fast aller Konzerte mussten neue Wege gesucht werden. Künstlerischer Austausch ist seltener, eine gewisse Lethargie macht sich breit, obwohl ich neue Projekte vorbereite. Doch es fehlt der direkte Kontakt mit Freunden, mit dem Publikum… schon in der Familie wird es erschwert. Man bekommt aber auch einen anderen Blick auf andere Bereiche des Lebens.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Kunst schaut weiter, man schwebt, man fällt und kommt wieder auf die Beine. Kunst vermittelt ein Gefühl der Unabhängigkeit, lässt eine andere Sicht aufs Leben zu. Und vor allem: Sie stimmt mich froh.

 

Stefan Kling
Der gebürtige Thüringer studierte an der Franz-Liszt-Musikhochschule in Weimar Klavier (Klassik und Jazz). Er war Pianist der Radio-Bigband Leipzig und ist Mitbegründer der Weltmusik-Band ‚L’art de Passage‘. Stefan Kling konzertierte u.a. mit Reinhard Mey, Bettina Wegner, Hannes Wader und Gerhard Schöne und tourte als Solist und Begleiter durch Europa, Afrika, Amerika und Asien. Seit 15 Jahren ist er Begleiter von Katja Ebstein und mit ihren Themenabenden auf den großen deutschen Bühnen zu hören. Neben dem Konzertieren gehört auch das Erstellen von Arrangements für Bands, Instrumental Ensembles, Chöre und Orchester zu seinen Schwerpunkten. www.stefankling.de

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