Susanne Schütte-Steinig / Graham Waterhouse


Susanne Schütte-Steinig, Bis hierhin oder weiter?, PV #31/2020
Video zum Performance-Experiment am 2. Wiesnsonntag auf der Theresienwiese, 2020, 02:51 Min.
16 Teilnehmer*innen, 16 Helme, 8 Bahnlinien

Den Zwischenraum über große Distanzen erfahrbar (…) machen

Susanne Schütte-Steinig nähert sich dem Menschen im Zwischenraum auf vielfältige Weise und baut dabei auf mannigfaltige Erfahrungen auf: Sie hat Architektur studiert, ist ausgebildete Tänzerin und ermöglicht als bildende Künstlerin in interaktiven Skulpturen und performativen Laborsituationen Teilnehmenden Erfahrungen zwischenmenschlicher Kommunikation. In ihren Versuchsanordnungen, die als „Zwischenraumlabor“ fungieren, wird der Mensch ebenso körperlich wie geistig-seelisch angesprochen.
Die Herausforderung der Corona-Pandemie mit der Notwendigkeit Abstand zu halten, gab den Impuls, in einer spezifischen Versuchsanordnung über „Abstand“ zu reflektieren: Welche Nähe und welche Distanz tun mir gut, und welche Distanz brauche ich? Welche Form von Nähe kann mittels Apparaturen ermöglicht werden? Konkrete, extreme Hintergrundsituation des Performance-Experiments ‚Bis hierhin oder weiter?‘ war neben der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Hygienevorschriften als anderer Pol das Oktoberfest, man könnte sagen, als kollektive Versuchsanordnung gemeinschaftlicher Enthemmung und Distanzüberwindung. Entsprechend fand die Versuchsanordnung im Herbst 2020 am „2. Wiesnsonntag“ des entfallenen Oktoberfestes auf der Theresienwiese statt.
Das Video zur Performance zeigt, wie sich die Begegnungswege grafisch in die Stadtlandschaft einzeichnen, wie das Sonnenlicht die Begegnungsanordnung als Schatten auf die Fläche überträgt, auf der eigentlich das ausgelassene Fest – das auch in der Tonspur mit anklingt – stattgefunden hätte. Die Apparaturen, die Auswahl des Ortes und die Handlungsanweisung durch die Künstlerin verändern die Wahrnehmung von einer rein visuellen hin zu einer ganzheitlichen, körperlich-räumlichen, die das Visuelle in den Hintergrund treten lässt und verändert. Dadurch entstehen neue Wege der Kommunikation und eine veränderte Wahrnehmung des Gegenübers vom „Es“ zum „Du“.
Als philosophischer Bezugspunkt sind hier Gedanken des Religionsphilosophen Martin Buber in seiner 1923 erschienenen Schrift ‚Ich und Du‘ zu sehen, in der jüdisch-mystische, christlich-mystische und existentialphilosophische Gedanken gleichermaßen einfließen. Alles Leben ist Beziehung:
„Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andre Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es. (…) Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es. Wenn der Mensch Ich spricht, meint er eins von beiden. (…) Ich sein und Ich sprechen sind eins.“ (Martin Buber: Ich und Du. Reclam, Stuttgart 2008, S. 3f.)
Und Martin Buber verweist in seiner Schrift dabei auch auf die Möglichkeit der Überschreitung: „Durch jedes geeinzelte Du spricht das Grundwort das ewige an.“ (Martin Buber: Ich und Du. Reclam, Stuttgart 2008, S. 71.)
Als Duo-Partner für Kunst-Netz-Werk hat Susanne Schütte-Steinig den Komponisten und Cellisten Graham Waterhouse eingeladen. Dieser hat 2019 ihre Arbeit Going to Paradise, PV #17 im Kösk München um eine akustische Ebene erweitert: „Während zwei aktivierte Betrachter den Raum zwischen Ich und Du mit ihrem Körper erforschten, kam Graham mit seinem Spiel als drittes Element hinzu. An Graham mag ich, dass er sein Instrument mit Haut und Haar zu nutzen weiß. Es gelingt ihm, musikalisch Räume zu eröffnen. (…) Die Arbeit mit dem Raum verbindet uns beide.“
(US)

Der Raum zwischen Ich und Du hat sich durch die Pandemie verändert Interview mit Susanne Schütte-Steinig

Was bedeutet die Arbeit in deinem Werk?
Das Projekt ‚Bis hierhin oder weiter?‘ ist eine Fortführung meiner Werkreihe ‚Going to Paradise‘. Im Rahmen der Untersuchungen zum Raum zwischen Ich und Du arbeite ich hier erstmals mit einer erweiterten Anzahl an Teilnehmern und einem wesentlich größeren Abstand zwischen ihnen. Den Zwischenraum über große Distanzen erfahrbar zu machen, erfordert u.a. eine extreme Verfeinerung der „Antennen“. Hierfür waren spezielle Requisiten (pairing props) und Handlungsanweisungen notwendig. Neu war auch der vorangestellte Einführungsworkshop und die Verlegung des Experiments in den Stadtraum. ‚Bis hierhin oder weiter?‘ ist ein weiterer Schritt ins Paradies. Es hat glücklich gemacht.
Wie siehst Du diese Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?
Der Raum zwischen Ich und Du hat sich durch die Pandemie verändert. Er ist mit Betroffenheit, Angst und Sehnsucht in das Bewusstsein der Menschen gerückt. „Bis hierhin oder weiter?“ stellt die Frage, wie nahe wir uns ehrlicherweise überhaupt kommen wollen, wenn wir könnten. Sechszehn Teilnehmer, die sich dafür beworben hatten und einander nicht kannten, durften das tun, was sich alle wünschten. Die Frage war nur, ob sie das überhaupt wollten? Die Theresienwiese als Ort des Experiments entspricht unserer Lebensumwelt, die sich durch Corona wesentlich verändert hat. Inmitten der Stadt stellt sie zur Zeit der ausgefallenen Wiesn eine Corona bedingte Leere dar, in der die sich sonst hier drängenden Menschenmassen latent anwesend sind. „Bis hierhin oder weiter?“ ist eine künstlerische Untersuchung des Raums zwischen Ich und Du in Zeiten der Pandemie.
Wie siehst Du Deine Arbeit im Zusammenhang mit der Arbeit Deines Kollegen/deiner Kollegin?
Graham Waterhouse ist ein großartiger Cellist. An Graham mag ich, dass er sein Instrument mit Haut und Haar zu nutzen weiß. Es gelingt ihm, musikalisch Räume zu eröffnen. 2019 hat er meine Arbeit ‚Going to Paradise‘ PV #17 um die akustische Ebene bereichert.


Während zwei aktivierte Betrachter den Raum zwischen Ich und Du mit ihrem Körper erforschten, kam Graham mit seinem Spiel als drittes Element hinzu. Im Wechsel zwischen Lenken und Folgen, Aktion und Reaktion interpretierte, übersetze und modulierte er ihre Begegnung musikalisch. Die Arbeit mit dem Raum verbindet uns beide. Kurzes Video ‚Going to Paradise_Susanne Schütte-Steinig und Graham Waterhouse‘ – hier Den Veränderungen der Corona-Zeit begegneten Graham und ich räumlich gesehen sozusagen von entgegengesetzten Seiten. Er von innen und ich von außen. Während Graham sich mit seinem Instrument in sein Zimmer zurückzog, um dort Distanzen im Zwiegespräch mit seinem Instrument zu entwickeln, bin ich mit einer Gruppe von Menschen in den öffentlichen Raum gegangen. Dort haben wir uns mit ganzer Intensität der aufgezwungenen, neuen Distanz gestellt und Wege der Verbindung gesucht. Er hat sich vom Innenraum her in den Außenraum geöffnet, und ich habe den Außenraum in den Körperinnenraum hinein erweitert. Auf diesem Weg treffen wir uns immer wieder.

Was hat sich für dich seit dem letzten Jahr verändert?
Für mich verstärkt Corona all das, was vorher schon da war, wie in einem Brennglas. Die Komplexität und Gleichzeitigkeit unseres Lebens, unser Umgang mit Natur und Umwelt, die Digitalisierung, Flüchtlingsströme, die Arbeitsmarktsituation, soziale Gerechtigkeit, aber auch ganz persönliche Neurosen – all das kommt zum Vorschein. Auf uns zurückgeworfen haben wir mehr Zeit, die ganze uns umgebende Unsicherheit wahrzunehmen. Ein Wegschauen ist nicht mehr so leicht möglich. Die Welt sieht anders aus, auch unsere Mitmenschen offenbaren ungeahnte Seiten. Es herrscht eine große allgemeine Verunsicherung weltweit. Die Frage nach Möglichkeiten eines zukünftigen Zusammenlebens wird dringlicher.
Was kann nur die Kunst in der Krise?
Nach der Hegelschen Figur der Entäußerung erschafft der öffentliche Ausdruck Gefühle und mit ihnen das Subjekt. Kunst ermöglicht uns daher eine Begegnung mit uns selbst. Kunst ist lebenswichtig. Wenn es kein Selektionsvorteil gewesen wäre, hätte sich, rein naturwissenschaftlich gesehen, der scheinbar hinderliche Luxus einer wunderschönen Vogelstimme (mit der dafür aufwendigen Anatomie) oder das prächtige Federkleid des Pfaus nie durchgesetzt. Jedes Kind singt, malt und tanzt von alleine. Kunst ist so lebenswichtig, dass sie bereits in unseren Genen liegt. Sie erhöht unsere Kooperations-fähigkeit und damit unsere Überlebensfähigkeit. Kunst kann als verbindende Kraft für ein gemeinsames Ziel begeistern und uns so helfen, Krisen zu überstehen – auch die Corona-Krise, die im Vergleich zu unserer Umweltkrise nur sehr unbedeutend ist.
Susanne Schütte-Steinig, geboren 1965 in Berlin, lebt und arbeitet in München. Sie verbindet die Disziplinen bildende Kunst, Architektur und Tanz in Personalunion. In interaktiven Skulpturen und performativen Laborsituationen lädt sie dazu ein, sich selbst zu spüren und die Perspektive auf sich selbst und die Welt zu verändern. Es geht um Kontakt, Kommunikation und die eigenen Grenzen. An ausgesuchten Orten können skulpturale Requisiten aktiviert werden, aber auch für sich stehen. Studien zu ihren Versuchen verarbeitet SSS in Collagen, Fotos, Filmen, Installationen und Objekten. Sie wurde u.a. vom Bayerischen Staatsministerium, dem Bayerisches Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und dem Kulturreferat München gefördert.
Das Projekt ‚Bis hierhin oder weiter?‘ wird unterstützt durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ – STEPPING OUT, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen der Initiative NEUSTART KULTUR. Hilfsprogramm Tanz.

 

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2021         Impressum         Datenschutz