Tom Fährmann / Brigitte Schwacke
tracks and traces, 2020/21, Lanzarote
Zeichnungen: 2. Block: Nr. 1 bis 4 von 30 Expl.
Büttenpapier, Grafit, je 75 x 48 cm
Video: 5:06 min, HD Stereo

Wege in einer filmischen Form erfahrbar machen

Fotografische Aufnahmen mitten aus dem Alltag – und doch sprechen sie uns unmittelbar an und hinterlassen Spuren in uns…

Aufnahmen des Kameramanns und Fotografen Tom Fährmann, wie in Sepp Bierbichlers Film „Zwei Herren im Anzug“ von 2018 oder auch in „Die Päpstin“ von 2009, bei denen Fährmann jeweils die Kinematografie gestaltet hat, verleihen dem Augenblick eine dauerhafte Größe und Präsenz. Fährmann betont die Faszination am fotografischen Bild seit seiner Kindheit: „Was treibt mich, so gerne zu fotografieren, so gerne Kamera zu machen? Es ist die Lust am Bild, genauer an der Abbildung. Wenn ich etwas bis in meine frühe Kindheit zurückverfolgen kann, dann ist es die Faszination an der Verdoppelung der Welt auf einer Mattscheibe.  […] Was ich da sah, waren magische Mininaturen dessen, was sich vor dem Fotoapparat abspielte, doch diese Realität hier war begrenzt, seitlich, wie oben und unten. Und diese Begrenzungen konnte man einrichten, man konnte seinen Standort verändern und so die Realität in diesem Rahmen ordnen, kurz: Man konnte ein Bild machen, aus Zuschauen wurde Gestalten.“1
Der Umgang mit Begrenzung und wie kreativ auf diese reagieren – eine Herausforderung im Leben ganz grundsätzlich und in besonderer Weise während des Lockdowns. Die Bildhauerin und Zeichnerin Brigitte Schwacke tauschte sich mit ihrem Ehemann Tom Fährmann über ein von ihr im Lockdown entwickeltes Projekt aus – beide sind in unterschiedlichen, kreativen Sparten tätig und diskutieren immer wieder intensiv ihre Gedanken und Fragestellungen. Bei diesem Projekt sammelte die bildende Künstlerin auf ihren konzipierten Gängen durch die Landschaft mittels eines Kartons, in dem Grafitstücke auf einem Papierbogen ganz individuelle Spuren hinterlassen, im wahrsten Sinne des Wortes Ein-drücke. Diese Spuren auf dem Papier unterscheiden sich je nach Schritttempo, Dauer des Gehens, Geländebeschaffenheit und der emotionalen Situation. Wie mit einem Seismographen werden so Aufzeichnungen gemacht, die ebenso konzeptionell gewollt, wie vom Zufall bestimmt sind. Im Austausch wurde den beiden Kunstschaffenden bewusst, dass hier eine filmische Begleitung der Wege ein entscheidender Bestandteil der Arbeit sein sollte. Gemeinsam entwickelten sie die Idee für die filmische Umsetzung, wobei sich die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen ergänzten und befruchteten. Und so nahm der Kameramann, neben der bildenden Künstlerin gehend, deren Wege in dokumentarischer Weise auf, wodurch der/die Betrachter*in des Films sehr suggestiv selbst die Perspektive der gehenden Person einnimmt. Das metallene Klacken der Grafitstücke im Verschmelzen mit den dahinter zurücktretenden Geräuschen der Umgebung bestimmt den Ton der Aufnahme, die Bilder wirken in starkem Schwarz-Weiß. Die filmischen Spuren bilden so ein Pendant zu den grafitfarbenen Spuren auf den Papierbögen – und zu den zarten Spuren, die wir selbst auf unseren Wegen zurücklassen.
Die ersten Papierarbeiten und Filmaufnahmen entstanden im Frühjahr 2020 in einem Wald in der Nähe des Starnberger Sees. Auf einer längeren, gemeinsamen Reise im Sommer 2020 auf die bis dahin von der Pandemie weitgehend verschonte Insel Lanzarote, arbeiteten Tom Fährmann und Brigitte Schwacke weiter intensiv an diesem Projekt: Die grafischen Spuren und Filmaufnahmen aus dieser kargen Vulkanlandschaft weisen dabei eine erstaunliche Unterschiedlichkeit zu den Projektergebnissen aus Bayern auf. Das Zusammenspiel von individueller Besonderheit, von Zufall und dem Versuch, dieses Zusammenspiel festzuhalten, zeichnet diese gemeinsame Arbeit in besonderer Weise aus. Tom Fährmann deutet an, wie dies auch unmittelbar eine existentielle Erfahrung von uns Menschen trifft: „Das Projekt akzeptiert, dass unser Leben nicht allein in unserer Hand liegt“.
(US)

1) Ottersbach/Schadt (Hg.), Kamerabekenntnisse Copyright by UVK 2008

 

Diese Ambivalenz von Aktiv und Passiv

Interview mit Tom Fährmann

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Brigitte Schwacke hatte mir von tracks and traces erzählt, und wir haben gemeinsam darüber nachgedacht, wie das Ergebnis und der Prozess der Herstellung vielleicht in einem Projekt erlebbar gemacht werden kann. Ich war als Kameramann immer wieder Teil von Videoarbeiten im Kunstbereich, u.a. mit Jo Marie Lafontaine, mit M+M hier in München und mit Herbert Nauderer. Auch Brigitte Schwacke habe ich schon in anderen Zusammenhängen bei filmischen Arbeiten unterstützt. Mir ermöglicht diese Arbeit an Kunstproduktionen, die häufig einer ganz anderen Dramaturgie und Grammatik folgen, als ich das von Spielfilmen her gewohnt bin, immer wieder neue Erfahrungen mit dem Bild, seiner Bedeutung und Wirkung.

Wie siehst du deine Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Tracks and traces setzt sich dem Zufälligen bewusst aus. Brigitte Schwacke hat einen Rahmen gesetzt, eine Mechanik erdacht, die einen bildnerischen Prozess während eines definierten Ganges „in Gang“ setzt, sein Ergebnis aber nicht determiniert. In Abhängigkeit von Zeit und Gelände entstehen Zeichnungen, die bewusst das präzise künstlerische Wollen, den genauen Plan unmöglich machen und mit der „Musik des Zufalls“ spielen. Das Projekt akzeptiert, dass unser Leben nicht allein in unserer Hand liegt. Vielleicht werden wir nicht beherrscht, aber herrschen tun wir gewiss auch nicht. Diese Ambivalenz von Aktiv und Passiv, von im Griff Haben und Ergriffen Werden, diese Ambivalenz, die wir in der Pandemie ja ganz deutlich spüren, ist Thema von tracks and traces.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Mein Beitrag ist eine Ergänzung von Brigittes Zeichnungen. Es erschien uns sinnvoll, die Zeichnungen um den Prozess, in dem sie entstanden sind, zu ergänzen. Gerade weil die Zeichnungen in ihrer Form so abhängig von den Wegen waren, auf denen sie entstanden, fanden wir die Idee, auch diese Wege in einer filmischen Form erfahrbar zu machen, zwingend. Dass diese Videos ihre eigene ästhetische Qualität haben und kein Fernsehfeature sein sollten, nach dem Motto „Wie macht die Künstlerin das denn?“, war uns von Anfang an klar.

Was hat sich für dich seit dem letzten Jahr verändert?

Fast alles. Ich kann keinen befreundeten Menschen in den Arm nehmen, erlebe viel weniger, das soziale Umfeld ist auf ein rituelles Spazierengehen mit den engsten Freunden heruntergefahren, es gibt wenig kulturellen Input, den ich live erleben kann. Das Gefühl für meine Studierenden an der Filmhochschule wird durch andauernde digitale Konferenzen mit Teilnehmern in Briefmarkengröße immer schwächer. Ich erlebe meine Mitmenschen und mich als nachhaltig verhindert. Zum Glück habe ich eine Frau, eine Tochter, also eine kleine Familie, in der soziales Leben weiter möglich ist. Dafür bin ich äußerst dankbar.

Was kann nur die Kunst in der Krise?

Das weiß ich nicht! Ich hoffe, dass sie überlebt! Im Moment sind wir in einem Überlebensmodus, der die Möglichkeiten von Kunst massiv beschneidet. Aber das macht den Menschen doch aus, jenseits des nackten Überlebens, dass er zu Kultur fähig ist und sie zu seiner Sinndeutung benötigt! Um eine Zeile eines Liebesgedichts von Erich Fried abzuwandeln: Nicht Nichts ohne Kunst, aber nicht viel mehr.

Tom Fährmann, geb. 1956 in Duisburg, lebt und arbeitet in München. Zunächst studierte er Kunst und Katholische Theologie für Lehramt in Münster, dann absolvierte Fährmann ein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, welches er 1987 abschloss. Über fast dreißig Jahre hinweg arbeitete Fährmann sodann als freier Kameramann und Fotograf. Er übernahm die Bildgestaltung bei Kinofilmen von Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Sönke Wortmann, Nico Hofmann u.v.a.m. Daneben fotografierte er freie Projekte, hatte zahlreiche Ausstellungen und publizierte einige Fotobücher. Er errang für seine Bildgestaltung den Bayerischen Filmpreis, den Deutschen Kamerapreis und zahlreiche Nominierungen, darunter zum Deutschen Kamerapreis, zum Golden Frog der Camerimage und zum Europäischen Filmpreis. Fährmann ist seit 2015 geschäftsführender Professor an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und leitet dort die Abteilung für Bildgestaltung mit den Schwerpunkten Kamera und Visual Effects.

www.tom-faehrmann.com

 

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