Wolfgang Gleixner / Nanni Schiffl-Deiler
Amseltage, 2021
Video, Dauer 6:03 min

„Da schwingt etwas in mir mit“… Ohne wirklich sagen zu können warum, fühle ich, wie mich eine Begegnung, ein Erlebnis, ein Klang berührt. Wir haben ein feines inneres Instrumentarium der Wahrnehmung, das nur oft überdeckt ist vom Lärm und Trubel unseres Alltags. Ich nehme mir „viel Zeit für innere Einkehr“ – das ist die kreativ-vertiefende Antwort des Multiinstrumentalisten und Klangforschers Wolfgang Gleixner auf die Einschränkungen des Lockdowns. In den Klangforschungen von Wolfgang Gleixner wird erahnbar, was er selbst so ausdrückt: „Kunst kann den Menschen in positiv veränderte, verfeinerte Bewusstseinszustände führen.“
Die Foto- und Videokünstlerin Nanni Schiffl-Deiler lud Wolfgang Gleixner für kunst-netz-werk zur Zusammenarbeit ein; die beiden waren sich bei der Planung des Corona-bedingt auf unbestimmte Zeit verschobenen Projektes „Zwischenraum Sterben“ begegnet. Eine im Januar 2017 von Nanni Schiffl-Deiler auf einer Bahnfahrt durch die Lombardei angefertigte Video-Skizze war Grundlage der gemeinsam entwickelten, vielschichtigen Videoarbeit „Amseltage“. Zu der durch die Aufteilung in einzelne Felder verstärkten Dynamik der Bildspur, entwickelte Wolfgang Gleixner den Klang schichtweise in mehreren, sich überlagernden Tonspuren; ein Prozess, den der Musiker beschreibt als „Zusammenspiel von im Moment stattfindender Inspiration, Improvisation und Kommunikation mit dem Instrument.“
Was schwingt mit auf einer eigentlich scheinbar monotonen Bahnfahrt durch die Poebene? Da ist die Bewegung: die äußere, die die Lebenswelten unterschiedlichster Menschen an mir vorbeiziehen und zusammenschauen lässt; die innere, die den inneren Rhythmus in Spannung bringt mit dem Rhythmus des im Fahren Vorbeiziehenden. Der filmischen Slow Motion im Mittelteil der Videoarbeit entspricht die klangliche: Tiefe Töne der Obertonflöte, mit den mitschwingenden und sich überlagernden natürlichen Obertönen, bringen Erinnerungen, Empfindungen, Wahrnehmungen ganzkörperlich in Resonanz. Das rhythmische Vorandrängen der Mbira (afrikanisches Lamellophon) verstärkt diese innere Bewegung. Am Ende der Videoarbeit korrespondiert dann die wieder beschleunigte äußere Bewegung von Bild, Klang und Musik mit den angestoßenen inneren Dynamiken, um dann abrupt abzubrechen. Wohin mit diesen Energien?
(US)

Nanni Schiffl-Deiler/ Wolfgang Gleixner “Amseltage”, 2021, Videostill

zum „Nichtdenken“ anregen

Interview mit Wolfgang Gleixner

Was bedeutet dir diese Arbeit in deinem Werk, wo knüpft sie an?

Aus der derzeitigen Situation ergibt sich für mich ein völlig neues Wirkungsfeld und knüpft damit an die „Sammlung“ neuer Erfahrungen an. Diese sind insofern bedeutungsvoll, da sie auch unumgänglich sind.

Wie siehst du deine Arbeit vor dem Hintergrund der Pandemie?

Die Pandemie stellt für mich ein Phänomen dar, mit vielen offenen Fragen und Problemen, aber auch mit großem Potenzial. Meine Arbeit soll dies abstrakt zum Ausdruck bringen und zum „Nichtdenken“ anregen.

Wie siehst du deine Arbeit im Zusammenspiel mit der Arbeit Deiner Kollegin (die in einer anderen künstlerischen Sparte tätig ist)?

Die Arbeit meiner Kollegin Nanni Schiffl-Deiler und meine bilden eine Symbiose mit Bild und Ton. Diese verschiedenen Ausdrucks- und Wahrnehmungsebenen ergeben für mich ein sehr reichhaltiges Zusammenspiel. [Zum praktischen Vorgehen:] Nanni und ich haben ihren Film gemeinsam bei mir im Studio angeschaut. Danach habe ich ihr eine Klangästhetik mit (eigenem) vorhandenem Material vorgeschlagen, um eine gemeinsame Basis herzustellen. Dann kommt für mich der Prozess des „Eintauchens“ und „Versenkens“. Ich nehme dazu ein Instrument (ich besitze sehr viele) und produziere Klänge, immer in Bezug auf den – in diesem Fall – Film. Das Ergebnis ist ein Zusammenspiel von im Moment stattfindender Inspiration, Improvisation und Kommunikation mit dem Instrument. Kommen mehrere Instrumente zum Einsatz, setzt sich der Prozess entsprechend fort. Jedes einzelne Instrument wird digital auf eine zugeordnete Tonspur aufgenommen und zu einem gesamten Klangbild abgemischt.

Was hat sich für dich seit letztem Jahr verändert?

Neben vielen abgesagten Terminen und den damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen, nehme ich mir viel Zeit für innere Einkehr.

Was kann nur Kunst in der Krise?

Die Kunst kann den Menschen in positiv veränderte, verfeinerte Bewusstseinszustände führen, die innerhalb einer zu bewältigenden Krise nur schwer erreichbar sind.

Wolfgang Gleixner, geb. 1957 in München. „Alles ist Schwingung.“ Nach diesem Leitsatz beschäftigt sich der Multiinstrumentalist und Klangforscher seit seiner Kindheit auf unkonventionelle Art mit Musikinstrumenten. Im Vordergrund stand dabei stets die Kommunikation mit dem Instrument und weniger dessen klassisches Erlernen. Die daraus gewonnenen Erfahrungen finden künstlerischen Ausdruck in unterschiedlichsten Live-Darbietungen, darunter Theater, Film und Musikproduktionen sowie Forschungsprojekte.

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